Marleaux BassGuitars: Testbericht Marleaux Betra Custom Fünfsaiter
Testbericht aus "Gitarre & Bass" Heft 12/1993
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In Rekordzeit erarbeitete sich Gerald Marleaux in der Bass-Kennerszene einen erstklassigen Ruf. Tatsächlich ist uns noch kein Marleaux-Bass untergekommen, der nach ausgiebiger Begutachtung nicht ein Spitzenurteil verdient hätte - High-End-Holzbässe aus Deutschland.
Auch wenn die Nachfrage nach Headless-Bässen nach dem großen Modeboom inzwischen wieder deutlich nachgelassen hat, wollen wir mit dem Betra-Modell einen Marleaux-Headless vorstellen. Den kopflosen Betra fertigt Marleaux als Vier-, Fünf- und Sechssaiten in zwei Versionen: Basic mit massivem Korpus und Custom mit Edelholzdecke. Unser Fivestring besitzt eine extralange Mensur, aber auf Wunsch kann der Kunde ihn auch mit Standard-Longscale-Mensur bestellen. Durch die Einzelanfertigung stehen auch noch weitere Wahlmöglichkeiten zur Auswahl, was vor allem die Korpus- und Deckenhölzer, die Oberflächenversiegelung und die elektronische Ausstattung betrifft.
Konstruktion
Der Fünfsaiten besitzt einen durchgehenden Extra-Longscale-Hals mit 915-mm-Mensur, der aus vier Streifen Vogelaugenahorn und drei Streifen Padouk besteht. Als Material für das dicke, nur wenig gewölbte Griffbrett kommt hochwertiges Ebenholz zum Einsatz. Der Betra besitzt 24 Bünde, zuzüglich eines Nullbunds.
Die angeleimten Korpusteile bestehen beim Testbass aus Wenge, als Deckenbelag wurde Quilted Maple ausgewählt. Durch ein dünnes. rotbraunes Padouk-Furnier wurde der helle Deckenbelag vom dunklen Kernholz abgesetzt. Optisch interessant hat Marleaux den durchgehenden Hals auf der Korpusvorderseite durch einen Wengestreifen verdeckt. Die rückseitig eingepaßten Deckel für Elektronikfräsung und Batteriefach bestehen wiederum aus Vogelaugenahorn. Insgesamt repräsentiert auch dieser Bass mal wieder das geschmackvoll und perfekt ausgeführte Handwerk von Gerald Marleaux, wobei die liebevoll bis ins letzte Detail ausgefeilte Konstruktion auch gleichzeitig noch eine gewisse Robustheit ausstrahlt. Ein Instrument, das in dieser Hinsicht also nicht nur als Schaustück fürs Wohnzimmer taugt.
Als Versiegelung besitzt der Testbass eine dünne, zweischichtige Mattlackierung, wofür ein besonders harter DD-Lack verwendet wird. Gegenüber einer (ebenfalls erhältlichen) Hochglanzlackierung weist dieses griffige und strapazierfähige "Naturfinish" noch den Vorteil auf, daß sich Beschädigungen ohne Probleme ausschleifen und per Ballenauftrag nachIackieren lassen, ohne daß gleich das ganze Instrument zerlegt und neu behandelt werden müßt
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Mechaniken
Die mattschwarze Steg/Tunerkombination wird vom deutschen Hersteller ETS bezogen. Die quaderförmigen Saitenreiter werden beim Steg in zwei Gruppen festgeklemmt und sind im übrigen individuell dreidimensional einstellbar. Der Tunerblock hätte beim Testbass wohl noch etwas stärker abgewinkelt montiert werden sollen, denn nun schaben die rauhen Roundwound-Saiten an der oberen Deckelkante des Tunergehäuses, was natürlich nicht gerade für Leichtgängigkeit beim Stimmen sorgt - auch dem größten Perfektionisten unterläuft zuweilen ein kleiner Schnitzer. Der klarlackierte Saitenhalter aus Messing, der am Halsende sitzt, wurde in seinen Außenmaßen sorgfältig dem leicht asymmetrischen Halsprofil angepaßt. Sowohl Double-Ballends wie auch normale Saiten können verwendet werden. Als arretierbare Gurthalter wurden die verbreiteten Schaller-Security-Locks montiert, und zwar leicht ins Korpusholz eingelassen. Auch die Potiknöpfe sitzen etwas versenkt in der Korpusdecke, damit man die Befestigungsmuttern der Potis nicht sieht.
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Tonabnehmer/Elektronik
Der Testbass ist mit Soapbar-Humbuckern der deutschen Firma Basstec bestückt. Diese Passiv Tonabnehmer werden hier mit einer aktiven Dreiband-Elektronik kombiniert, die aber freilich nur gegen Aufpreis (ca. DM 120,-) eingebaut wird. Standardbestückung ist eine aktive Behn-Zweiband-Klangregelung. Marleaux verwendet die programmierbare Behn-Elektronik, bei der sich je Klangregler drei verschiedene Einsatzfrequenzen auswählen lassen. Die Programmierung geschieht in einfacher Weise durch einen Miniatur-Tastschalter: Die Klangregler werden jeweils in eine der drei Grundstellungen eingestellt (Rechtsanschlag, Mittelrastung, Linksanschlag), die für die jeweiligen Einsatzfrequenzen stehen. Ein kurzes Antippen des Tastschalters, und die Elektronik behält die ausgewählten Wirkfrequenzen "im Kopf", übrigens auch, wenn nach dem Spiel der Klinkenstecker gezogen wird.
Der Tastschalter besitzt noch eine dritte, einrastende Stellung, in der der EQ abgeschaltet wird. Ein wirklicher Passiv-Betrieb ist allerdings nicht möglich, ohne Batteriestrom läuft hier nichts. Und der Strombedarf dieser trickreichen Elektronik liegt mit ca. 4,7 mA nicht gerade niedrig, so daß es empfehlenswert scheint, stets eine gesunde Ersatzbatterie dabeizuhaben. Verdrahtung und Abschirmung sind extrem ordentlich und mit hochwertigen Materialien ausgeführt.
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Praxis & Bespielbarkeit
Durch das asymmetrische Halsprofil ergibt sich einerseits eine relativ große Masse und daher eine gute Standfestigkeit des Halses, was natürlich auch für gesunde Klangeigenschaften der Holzkonstruktion steht. Andererseits wirkt der Hals für die Greifhand dünner, als er tatsächlich ist, und ist auch tadellos leicht zu beherrschen, sofern man nicht die Angewohnheit hat, den Daumen über die obere Griffbrettkante zu legen. Die leichte und exakte Bespielbarkeit ist umso erstaunlicher, als daß dieser Bass erstens eine extralange Mensur besitzt, zweitens als Fünfsaiter die vollen Saitenabstände (19 mm am Steg) eines Viersaiters aufweist. Präzises, sauberes Intonieren und schnelle Läufe gelingen auf dem Betra gleichermaßen, was nur beweist, daß Gerald Marleaux die Ergonomie seiner Instrumente voll im Griff hat.
Prinzipbedingt hat ein Headlessbass mit großem Korpus keine Probleme mit etwaiger Kopflastigkeit und hängt willig und stabil in jeder gewünschten Spielposition, wofür am Ende des Korpus ja auch zwei verschiedene Gurt-Aufhängungspunkte zur Auswahl stehen. Bemerkenswert beim extralangen Marleaux wäre noch, daß man für die tiefsten Lagen den Arm gar nicht so weit auszustrecken braucht. Der typische "Headless-Effekt", daß man in der siebten Lage spielt, aber glaubt, in der fünften zu sein, tritt wegen der Betra-Geometrie (die obere Gurtaufhängung am Korpushorn liegt fast in der Höhe der 14. Lage) kaum auf.
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Klangeigenschaften
Bereits rein akustisch überzeugt der Marleaux durch sensibles Ansprechen und gesunde Tonbildung mit langem Sustain, und das gleichmäßig über das gesamte Griffbrett. Generell sagt man den kopflosen Bässen ja einen obertonreicheren Sound nach, und an Transparenz, Spritzigkeit und Lebendigkeit mangelt es unserem Betra beileibe nicht.
Über Verstärker gespielt entwickelt der Betra einen satt fundamentalen Sound mit dunklem Timbre und drahtig-crispen Höhenschmatzern. In den mittleren Bereichen erscheint der Grundsound vorsätzlich abgedämpft, zugunsten eines insgesamt trockenen und sauberen Klangbilds. Der Basstec-bestückte Bass weist also klanglich einen recht extravaganten Grundcharakter auf, der einerseits mächtige Schubkraft und sattes, Bass-gerechtes Tonvolumen liefert, andererseits durch die deutliche Betonung drahtiger Präsenzen und filigraner Obertonbereiche stets klare Konturen und cleane Durchsichtigkeit bewahrt. Dadurch, daß bei der offensichtlich vorliegenden Mittenabdämpfung zwar die "unsauberen" und nasal färbenden Klangbereiche zurückgestellt werden, nicht aber die körperhaften Tiefmitten, besitzt der Betra trotz cleaner Grundausrichtung dennoch reichlich Durchsetzungskraft und Charakter. Sein dunkles Timbre könnte auch als "Precimäßig kehlig" bezeichnet werden.
Die aktive Klangregelung erscheint, mit all ihren Variationsmöglichkeiten, bestens auf das Instrument abgestimmt. Geradezu vorbildlich sind die vielfältigen, feinen Nuancierungen über den gesamten Einstellweg der Klangregler gestaffelt, und praktisch alle Einstellungsmöglichkeiten, bis hin zu den Extremen, sind auch praktisch einsetzbar. Das kann übrigens nicht allein an der zweifellos musikalisch sinnvoll arbeitenden Elektronik liegen, sondern hat seinen Grund auch darin, daß der Holzbass für umfangreiche EQ-Bearbeitung einen ausreichend cleanen, reichhaltigen und differenzierten Grundklang liefert. Die verschiedenen Einsatzfreduenzen für die einzelnen Klangregler verändern nicht brutal deren Wirkungen, sondern stellen eher feine, aber deutlich wahrnehmbare Timbre-Nuancen zur Auswahl. Der Unterschied zwischen den möglichen Einsatzfrequenzen wird natürlich um so deutlicher, je stärker man das jeweilige Klangpoti einstellt. Mit diesem Klangbesteck lassen sich dem ohnehin schon auf feinste Spielvarianten reagierenden Marleaux-Bass für jede Stilrichtung überzeugende Sounds entlocken. Gerade für Aufnahmezwecke bietet sich dieser moderne Allround-Bass als Tausendsassa an, ohne dabei aber charakterlos dazustehen. In Anbetracht dessen darf man den hohen Batterieverbrauch der Behn-Elektronik akzeptieren, wenn er hier auch später als Minuspunkt genannt wird.
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Resümee
Und wieder einmal hat sich ein Marleaux-Bass als Spitzenprodukt behaupten können, dem in puncto Klangvielfalt und Qualität sicherlich nur wenige Superbässe das Wasser reichen können. Der Betra Fivestring bringt das Kunststück fertig, sowohl einen stark eigenständigen Charakter wie auch außergewöhnliche Klangflexibilität zu vereinen. Zudem ist der Headless bestens bespielbar und die Verarbeitung Schlichtweg perfekt. Da jedes Instrument einzeln angefertigt wird, dürfte der einzige relevante Fehler dieses Basses, der ungünstig angebrachte Tunerblock, leicht zu beheben sein.
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Technische Daten
Fabrikat: Marleaux
Modell: Betra Custom Fivestring
Gerätetyp: fünfsaitiger E-Bass mit Massivkorpus
Herkunftsland: Deutschland
Mensur (mm): 915; Extra Longscale
Hals: durchgehend; siebenstreifig 4x Vogelaugenahorn/ 3x Padouk,
Ebenholzgriffbrett, 24 Bünde plus Nullbund
Halsbreite (mm): Nullbund: 44; XII.
Bund: 65; XXIV. Bund: 76,5
Saitenabstände Steg: einstellbar; Werkseinstellung 19 mm
Korpus: angeleimte Korpusteile aus Wenge mit Quilted-Maple- Deckenbelag
Oberflächen: DD-Mattlack
Tonabnehmer: passiv; 2x Basstec-Soapbar-Humbucker
Elektronik: aktiv; programmierbare Behn-Dreiband-Klangregelung (als Sonderausstattung gegen Aufpreis)
Bedienfeld: Mastervolumen, PU- Balance, Bässe, Mitten, Höhen, Programmiertaster/ EQ-Bypass-Schalter
Batterie: 1x 9 Volt
Stromaufnahme: ca. 4,7 mA
Mechaniken: schwarz bzw. Messing lackiert; ETS-Steg / Tunerkombination und
-Saitenhalter, Schalter-Security-Locks
Gewicht: ca. 4,5 kg
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